Seepferdchen

Seepferdchen
Seepferdchen | Hans Bittner @ pixelio.de

Als ich noch ein Seepferdchen war,
Im vorigen Leben,
Wie war das wonnig, wunderbar,
Unter Wasser zu schweben.
In den träumenden Fluten
Wogte, wie Güte, das Haar
Der zierlichsten aller Seestuten,
Die meine Geliebte war.
Wir senkten uns still oder stiegen,
Tanzten harmonisch umeinand,
Ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand,
Die Wolken sich in Wolken wiegen.
Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn,
Auf dass ich ihr folge, sie hasche,
Und legte mir einmal im Ansichziehn
Eierchen in die Tasche.
Sie blickte traurig und stellte sich froh,
Schnappte nach einem Wasserfloh
Und ringelte sich
An einem Stengelchen fest und sprach so:
Ich liebe dich!
Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,
Du trägst ein farbloses Panzerkleid
Und hast ein bekümmertes altes Gesicht,
Als wüßtest du um kommendes Leid.
Seestütchen! Schnörkelchen! Ringelnass!
Wann war wohl das?
Und wer bedauert wohl später meine restlichen Knochen?
Es ist beinahe so, dass ich weine –
Lollo hat das vertrocknete,
kleine Schmerzverkrümmte Seepferd zerbrochen.

Joachim Ringelnatz

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Ode an das Meer

Der alte Mann und das Meer
Der alte Mann und das Meer | H-J Spengemann @ pixelio.de

Hier auf der Insel
das Meer,
und wie viel Meer
bricht hervor jeden Augenblick
aus sich selber,
o ja, sagt es, o ja,
o nein, o nein, o nein,
o ja, sagt es, im Blauen,
im Schaum, im Wogenritt,
o nein, sagt es, o nein.
Kann nicht ruhig verharren,
Meer heisse ich, wiederholt es
gegen einen Felsen schlagend,
ohne ihn überzeugen zu können,
dann
mit sieben grünen Zungen,
sieben grünen Haien,
sieben grünen Tigern,
sieben grünen Meeren
umwogt es ihn, küsst ihn,
benetzt ihn
und schlägt,
seinen Namen wiederholend,
sich an die Brust.
Oh Meer, so nennst du dich,
Gefährte Ozean,
vergeude nicht Wasser und Zeit,
schüttle nicht so viel von dir ab,
hilf uns,
wir sind die winzigen Fischer,
die Menschen der Küste,
wir leiden Hunger und Kälte,
du bist unser Feind,
triff uns nicht so hart,
brülle nicht dergestalt,
tu auf deinen grünen Schrein
und lass ihn unser
aller Händen
deine silberne Gabe,
den täglichen Fisch.
In jeder Hütte hier
lieben wir ihn,
sei er von Silber auch,
Kristall oder Mond,
für die ärmlichen Küchen
der Erde ward er geboren.
Bewahre ihn,
Geiziger, nicht,
der, ein feuchter Blitz,
unter den Wogen
hinschiesst.
Nun, schick dich drein,
zu dich auf
und lass ihn frei
in der Nähe unserer Hände,
hilf uns, Ozean,
grüner, abgrundtiefer Vater,
die Erdenarmut
eines Tags zu enden.
Lass uns
ernten die Pflanzung,
die unendliche, deiner Leben,
deiner Saaten und Trauben,
deiner Stiere, deiner Metalle,
den feuchten Glanz
und die versunkene Frucht.

Vater Ozean, wir wissen lange schon,
wie du heisst, alle
Möwen verbreiten
deinen Namen an den Gestaden:
Nun, betrage dich gut,
schüttle deine Mähne nicht,
bedrohe keinen Menschen,
zerschmettre am Himmel nicht
dein herrliches Gebiss,
höre auf mit den ruhmvollen Geschichten
für einen Augenblick,
gib jedem von uns Männern,
jedem
Weib und jedem Kind
einen grossen oder kleinen Fisch
an jedem Tag.

Fisch auszuteilen,
geh hinaus auf alle Strassen
der Welt,
und dann
rufe laut,
rufe laut,
dass die Armen dich hören,
alle, die ihre Arbeit verrichten
und sagen,
den Kopf aus der Grube
streckend:
„Dort naht,
Fisch verteilend,
das uralte Meer.“
Und dann kehren sie nach unten zurück,
lächelnd in der Finsternis,
und in Strassen
und Wäldern
lächeln die Menschen
und die Erde
ein meerhaftes Lächeln.

Aber,
so du es nicht willst,
so du es nicht magst,
warte,
warte auf uns,
wir werden nachdenken,
vornehmlich aber wollen wir
die menschlichen Fragen
lösen,
die wichtigsten zuerst,
die übrigen später,
und dann
werden wir uns mit dir befassen,
werden die Wogen wir mähen
mit Messern aus Feuer,
auf elektrischem Ross
werden wir die Schaumhürden nehmen,

singend,
bis wir den Grund deines Innern
berühren,
werden wir untertauchen,
atomares Garn
wird deine Hüfte umhüten,
in deinem abgründigen Garten
werden Gewächse
wir pflanzen
von Stahl und Zement,
werden wir
Hände und Füsse dir binden,
auf deiner Haut werden die Menschen,
Blitze schleudern, lustwandeln,
Traubengebilde ernten,
Fischereigeräte errichten,
dich zügeln und auf dir reiten,
deine Seele bezwingend.
Dies aber wird geschehen, wenn
die Menschen
geregelt haben
unser Problem,
das grosse,
das grosse Problem.
Alles werden wir ordnen,
nach und nach:
Dich, Meer werden verpflichten wir,
dich, Erde, werden verpflichten wir,
Wunder zu vollbringen,
denn in uns selber,
im Kampf
sind beschlossen Fisch und Brot,
ist das Wunder.

Pablo Neruda, Elementare Oden (1952)